Vom Saul zum Paul

Neinn, keine Kraken diesmal, sondern was ganz Andreas. Lebenslanges Lernen bedeutet auch, sich von liebgewonnenen Gewohnheiten zu trennen. Zum Beispiel damals, anno 96`, die Rechtschreibreform. Die war mir so egal, ich schrieb damals meist auf Englisch (für langweilige Fachzeitschriften, die hatten alle Lektoren für Rechtschreibung). Bei deutschen Texten profitierte ich davon, dass meine damalige Vorgesetzte Probleme mit dem Verständnis von Sätzen hatte, deren Wörter Rechtschreibfehler enthielten, und Probleme mit Absätzen, deren Sätze somit unverständlich waren. Nur dank mangelhafter Rechtschreibung in Kernsätzen gelang es mir, einige innovative Projekte zu beantragen.

Auch wenn namhafte Personen, darunter personal trainer und Firmenberater,  immer wieder betonen, in Zeiten schneller Kommunikation per Mail etwa käme es nicht mehr so genau drauf an; die Kommentare etwa in diesem Blog zeigen klar, dass man mit fehlerhafter oder innovativer Rechtschreibung einfach nicht ernst genommen wird. Fakt ist, dass man anhand der Qualität der Rechtschreibung in etwa einschätzen kann, wieviel Zeit und Mühe sich der Verfasser genommen bzw. gegeben hat. Oder ob er/sie während der Arbeitszeit kifft oder trinkt.

Vor einigen Jahren setzte bei mir (schleichend) leider auch der oben erwähnte Prozess ein, dass ich Schwierigkeiten bekomme, Sätze zu verstehen, derern Wörter Rechtschreibfehler enthalten. Ich muss mich zunehmend darauf konzentrieren, die Assoziationsketten zu unterdrücken, die falsch geschriebene Wörter auslösen, und ertappe mich auch dabei, dass ich das falsche Wort versuche auszusprechen, das richtige Wort suche, den Satz in beiden Möglichkeiten wiederhole, mir vorstelle, was das wohl sein könnte was das falsch geschriebene Wort bezeichnet, wie es aussieht, was es kostet, wo es produziert würde, wie man es korrekt ausspricht, was es beispielsweise für eine Zielgruppe haben könnte.

Jedes Kunstwort, wie die in der Werbung verwendeten, löst Assoziationen aus. Viagra beispielsweise, ein Kunstname der für sehr viel Geld von der Firma Interbrand kreiert wurde. Vi, bzw. Via steht für Vitatität, vigor (engl.: Energie) und virility (=Männlichkeit), agra wird, nach teuren Probandenbefragungen, häufig mit „Aphrodisiakum“ assoziiert. Perfekt, könnte man meinen, hätte nicht Insider verraten, dass das ca. 700.000 Dollar teure Wort „Viagra“ ursprünglich für ein Medikament gegen Nierensteine geschöpft wurde.  Peinliche Fehlgriffe wie Serena, welches  gleichzeitig an einen PKW und an eine Damenbinde verkauft wurde, bilden die Ausnahme, die die Regel bestätigt 🙂 . Aktuelles Beispiel: hackleisch. Kurz, zackig, aggressiv, Imperativ total. Weckt Assoziationen an rohes Fleisch. Was könnte das sein? Ich stelle mir die Werbung dazu etwa so vor: Es springt jemand (männlich, Bart, Typ Wickinger, vielleicht Helm mit Hörnern) aus dem Busch und brüllt „hackleisch“. Dazu schwenkt er eine in rosa-weiss gehaltene Flasche mit diskretem Streifenmuster, die ein alkoholisches Getränk mit Namen „hackleisch“ enthält. Dann wird das Produkt beschrieben, und am Ende der 30 Sekunden sitzt der Typ Wickinger, ohne Helm und Hörner, lächelnd,  mit einer Wickingerine am rustikalen Ikea-Tisch, und die Wickingerine himmelt ihn an und haucht ihm ein „hack leisch?“ (oder hack leischi-leischi?) zu.

Gar nicht lustig, denn genau deshalb wäre es am Donnerstag beinahe zu einem schweren Verkehrsunfall gekommen. Das auslösende Schild erblickte ich vom fahrenden Auto aus, als grade viel Verkehr auf der Straße war. Nur mit äußerster Konzentration konnte ich noch stoppen, wenn auch mitten auf der Straße. Aber weiterfahren wäre einfach zu gefährlich gewesen.

hackleisch

Fakt ist, dass es bei google 420 Einträge für Hackleisch gibt. Meist Rezepte, aber ein alter Bekannter taucht auch auf. Nämlich der von Huckleberry Finn. Für Kinder und unsere jüngeren Leser: ein sogenannter „Roman“ von Samuel Langhorne Clemens, bekannt unter seinem Pseudonym (=Markennamen) „Mark Twain“.

Hackleberry Finn

Hackleberry Fin? Schreibt man den nicht anders, selbst auf Schlandisch? Jawoll, und zwar so, wie das gleichnamige Schiff:

Tja, also dazu kann es auch keine Kommentare geben. Der korrekte Name stände am Bug des Schiffes (= vorne), aber wer lesen kann…

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